Flächenverbrauch und -versiegelung gefährden Naherholungsgebiete massiv


Bauboom in Bonn contra Naturschutz


In Deutschland hält der enorme Flächenverbrauch durch Bautätigkeit an. Gemäß den Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) betrug der Flächenverbrauch für Siedlungen und Verkehr seit 2011 im Durchschnitt ca. 66 ha pro Tag. Auch in Bonn wecken unbebaute Flächen Begehrlichkeiten, wie derzeit in Roleber und Vinxel.


Herbert Weber

Bauboom im Bonner Raum

In Deutschland hält der enorme Flächenverbrauch für die Ausweisung neuer Wohn- und Gewerbegebiete sowie für den Straßenbau an. Gemäß den Angaben des UBA betrug der Flächenverbrauch für Siedlungen und Verkehr zusammen im Zeitraum von 1992 bis 2015 im Durchschnitt 104 ha pro Tag. Nimmt man nur den Teilbereich Gebäude- und Freiflächen, so dehnte sich dieser in diesem Zeitraum um 21 % aus. Im gleichen Zeitraum stieg die Einwohnerzahl von 80,975 Mio auf 82,176 Mio an. Dies entspricht einem Zuwachs von nur 1,201 Mio bzw. 1,46 %. Rechnet man den Flächenverbrauch auf die Einwohnerzahl um, so entfielen auf jeden Einwohner im Jahr 1992 256 m2, im Jahre 2015 dagegen schon 305 m² Gebäude- und Freifläche, dies entspricht einem Wachstum von 19,1%. Auch wenn sich der Flächenverbrauch für Siedlungen und Verkehr zusammen in den letzten Jahren verlangsamt hat (2011-2015: 66 ha pro Tag), so bestehen praktisch keine Chancen mehr, das in der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie (NNS) für 2020 avisierte Ziel eines Flächenverbrauchs von „nur“ noch 30 ha / Tag zu realisieren. Das schon im Jahre 2008 in einer Stellungnahme zum Fortschrittsbericht der NNS von den Umweltverbänden für 2020 geforderte Ziel eines Null-ha-Flächenverbrauchs wird in der aktuellen Auflage der NNS erst gar nicht thematisiert. Das UBA befürchtet, dass sich bei anhaltendem Wirtschaftswachstum der Trend wieder umkehren und in Deutschland bis zum Jahr 2030 mehr als 3.000 km2 Landschaft verloren gehen könnte. Dies würde einer Fläche deutlich größer als das Saarland entsprechen.

Entwicklung im Raum Bonn

Auch im Raum Bonn ist seit vielen Jahren eine rege Bautätigkeit zu verzeichnen. Dabei wurden und werden zahlreiche für das Klima und die Fauna wertvolle Grünstrukturen und schützenswerte Biotope vernichtet. Gerne wird auch in der lokalen Politik der Begriff Klimaschutz aufgenommen, allerdings wird dieser inhaltlich weitgehend auf die Einsparung von CO2 reduziert bzw. es wird werbewirksam auf Bonn als Sitz von Umwelt-Organisationen wie das UNFCCC („Klimasekretariat“) hingewiesen. Lokales Handeln im Sinne eines wirksamen Klimaschutzes, wie Entsiegelung oder die Einrichtung von autofreien Wohnvierteln, spielen dagegen in den Überlegungen der Politiker und Planer der Bonner Region so gut wie keine Rolle. Im Gegenteil, aktuell bestehen Pläne, den Freiraum zwischen den Ortsteilen (Bonn-) Roleber und (Königswinter-) Vinxel mit ausgedehnten Neubaugebieten zu versiegeln und die rechtsrheinischen Wohngebiete durch eine Fernstraße („Ennertaufstieg“) an Bonn anzubinden.

Zwischen Bonn-Roleber und Königswinter-Vinxel befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Naturschutzgebiet Siebengebirge eine Kultur- und Naherholungslandschaft, die durch verschiedene Planungen in ihrer Existenz bedroht ist. Neben der im Bundesverkehrswegeplan 2030 enthaltenen Fernstraße Südtangente/Ennertaufstieg stellen die geplanten Bebauungen mit einer Größenordnung von ca. 10,5 ha (Roleber) und ca. 13,4 ha (Vinxel) die aktuell größten geplanten Eingriffe dar. Noch nicht berücksichtigt sind dabei eventuelle über die Konversion des Gebäudes der Landwirtschaftskammer hinausgehende Baumaßnahmen in Roleber (ca. 8,6 ha). Die zur Bebauung vorgesehenen Fläche in Roleber ist teilweise (7 ha) als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen. Dieser Teilraum hat neben seiner Funktion als Agrarfläche also auch die Aufgabe, der Naherholung zu dienen. Daher ist diese Fläche im aktuellen Regionalplan nicht für die Bebauung vorgesehen, sondern Teil eines „Regionalen Grünzuges“.

Schon in einer Stellungnahme in 2010 bzgl. des Neubaugebiets Niederholtorf-Ungarten hat der BUND darauf hingewiesen, dass in Bonn der Anteil der Bevölkerung im Familienalter – also die Zielgruppe für das nun geplante Neubaugebiet in Roleber – stagniert oder sogar zurückgeht. Diese Einschätzung hat auch heute noch im Großen und Ganzen Gültigkeit und wird durch aktuelle Berichte bestätigt, auch wenn nun für 2030 noch ein geringfügiger Zuwachs in der Altersgruppe 45-64 Jahre erwartet wird. Demnach wird aber auch der Anteil der Personen in der Altersgruppe 65-79 Jahre gegenüber dem NRW-Trend sogar noch deutlich überdurchschnittlich steigen.

Bei der Forcierung dieser Vorhaben durch Politiker verschiedener Couleur und die Verwaltung dürfte neben einer unkritischen Einstellung gegenüber wirtschaftlichen Interessen ebenfalls die Überlegung eine Rolle spielen, ein zusätzliches Druckmittel zur Durchsetzung von Südtangente/Ennertaufstieg zu erhalten. Bezeichnend im Zusammenhang mit dem geplanten Bauprojekt Roleber ist auch, dass die Begründung auf einem Bericht eines Unternehmens beruht, welches selber als Träger und Investor tätig ist und z.B. für eines seiner Projekte angibt: „Ziel ist die Schaffung von Wohnbauland nicht nur für den eigenen Bedarf, sondern auch als Angebot an Pendler, die eine naturnahe Wohnumgebung bevorzugen. Angestrebt wird eine positive Entwicklung der Einwohnerzahlen entgegen dem Trend.“ Auch für das geplante Gebiet in Vinxel wird seitens Königswinterer Politiker zugegeben, dass es darum geht, Wohngebiete für Pendler nach Bonn bereitzustellen. Dass die Interessen der lokalen Bevölkerung ignoriert werden, zeigt das Beispiel eines Landwirts, der auf den zu Bebauung vorgesehenen Flächen in Vinxel Ackerbau betreibt und dessen Existenz durch diese Planung sowie die Pläne um Roleber bedroht wird.

Dass überhaupt ein Bedarf an der geplanten massiven Bebauung besteht, darf bezweifelt werden, auch angesichts des Umstands, dass es erhebliche methodische Schwierigkeiten gibt, den realen Bedarf zu ermitteln. Laut einem Artikel des General-Anzeigers vom 26.10.2016 gibt es in Bonn rund 200.000 m2 ungenutzte Quadratmeter allein auf den Liegenschaften des Bau- und Liegenschaftsbetriebs NRW. Dies entspricht theoretisch einer Fläche für rund 3.000 Wohnungen zu je 65-70 m2. Auch wenn aufgrund des baulichen Zustandes kurzfristig vielleicht erst nur ein Teil für Wohnflächen genutzt werden kann, so zeigen diese Zahlen, dass bei einer Bereitschaft zur zügigen Aktivierung dieser (und anderer, z.B. Dachgeschossausbau) Potentiale einer weiteren Versiegelung der Landschaft Einhalt geboten werden könnte. Dieses Wohnraumpotential wird in den von den Kommunen beauftragten Studien nicht berücksichtigt. Auf die weiterhin gültigen Hintergründe der Baupolitik im Raum Bonn/Rhein-Sieg-Kreis hat der BUND schon in einer 2008 erschienenen Studie hingewiesen.

Rolle der Bundespolitik

Ein wesentliches Mittel zur Förderung von Neubaugebieten ist die Entfernungspauschale („Pendlerpauschale“). Sie führt zur Zersiedelung der Landschaft, langen Arbeitswegen und zumWachstum des Verkehrsaufkommens. Forderungen nach einer stufenweisen Reduktion und schlussendlichen Abschaffung dieser extrem umweltschädlichen Subvention sind in den letzten Jahren kaum mehr zu vernehmen. Das Gleiche gilt für die Forderung, keine neuen Autobahnen und Fernstraßen zu bauen. Ebenso ist eine Strategie, einen Strukturwandel in der Mobilität einzuleiten und den motorisierten Individualverkehr (MIV) langfristig massiv zugunsten weniger umweltschädlicher Verkehrsmittel zu verringern, nicht vorhanden. Ein solcher Strukturwandel müsste natürlich durch enorme Investitionen in Infrastruktur und Betrieb von Bahn und Bussen vorbereitet und begleitet werden, ebenso müssten Anreize zu ihrer Nutzung bereitgestellt, finanzpolitische Rahmenbedingungen geschaffen und unter anderem auch raumordnerische Maßnahmen zur Verkehrsminderung ergriffen werden. Ein politischer Wille zu einem solchen Paradigmenwechsel ist aber nicht erkennbar. Die von allen politischen Kreisen in die Diskussion gebrachte Elektromobilität – gemeint ist damit ausschließlich das Elektroauto (das Potential der Elektromobilität auf der Schiene wird kaum thematisiert) – lenkt vom eigentlichen Umweltproblem, dem MIV an sich, ab und zementiert den Status quo.

Blick über Bonn hinaus

Der BUND wird die Bau- und Straßenentwicklung in der Bonner Region und alle diesbezüglich geplanten Maßnahmen kritisch verfolgen. Dazu gehört auch die entschiedene Ablehnung der geplanten neuen Rheinquerung Wesseling/Langel. Durch diese Verbindung zwischen den Autobahnen BAB 555 und BAB 59 würde nicht nur ein FFH-Gebiet in Mitleidenschaft gezogen, sondern es würden auch Biotopverbundflächen in einer Kulturlandschaft mit auf der Roten Liste (RL) und unter einem sehr starken Bestandsrückgang leidenden Arten der Offenlandschaft wie das Rebhuhn (RL Brutvögel Deutschland 2015 und RL NRW 2009: stark gefährdet) zerschnitten. Da Straßenbauten fast immer zur Folge (bzw. als explizit formuliertes oder implizites Ziel) haben, dass neue Bau- und Gewerbegebiete erschlossen werden, ist bei Realisierung dieser Autobahn damit zu rechnen, dass sehr schnell die umgebende Kulturlandschaft unwiderruflich vernichtet würde. Es ist offensichtlich, dass der Straßenbau eine zentrale Rolle bei der Naturzerstörung spielt.


Abbildung: Bauvorhaben im Bereich Roleber-Vinxel; Luftbildgrundlage: https://stadtplan.bonn.de

weiß schraffiert: Naturschutzgebiete (NSG), grün schraffiert: Landschaftsschutzgebiete (LSG),

weiß umrandet: geplante Baugebiete, weiße Linie: geplanter Ennertaufstieg B56n (ungefährer Verlauf)


Quelle: BUND Bonn



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