Bonn, Beton, Stadtklima

Bonn ist Sitz einiger internationaler Organisationen, die sich dem Klima- und Naturschutz widmen: Hier gibt es z.B. das Klimasekretariat (UNFCC), das Fledermaussekretariat (UNEP/EUROBATS), das Wüstensekretariat (UNCCD) und das Sekretariat des Übereinkommens zur Erhaltung der wandernden wild lebenden Tierarten (UNEP/CMS). Die Stadt Bonn hat keine Mühen gescheut, diesen Organisationen einen Standort zu bieten. Schließlich bieten diese Einrichtungen nicht nur einige hochqualifizierte Arbeitsplätze, vor allem ist Bonn dank dieser Institutionen zu einem Zentrum zahlreicher einschlägiger Konferenzen geworden. Klima- und Naturschutz sind, solange sie theoretisch, auf dem Papier oder in Form von über Klimakatastrophe und Biodiversitätsverlust diskutierenden (und Geld nach Bonn bringenden) Konferenzgästen stattfinden, also herzlich willkommen.


Wie sieht nun aber die Praxis aus? Wie ernst meint es die Stadt Bonn z.B. mit dem Klimaschutz, den sie sich so oft und gerne auf die Fahnen schreibt? Jüngstes Beispiel für die Praxis ist der Plan, ein in Poppelsdorf gelegenes, ca. 1,2 ha großes, vor allem baumbestandenes Gebiet, einem Investor zur Überbauung zu überlassen (Bebauungsplan 6420-1 Im Wingert). Dieses Wäldchen liegt am Ausgang des Melbtales, zwischen Clemens-August-Straße, Nachtigallenweg und Im Wingert. Wie Luftbilder zeigen, wurde das Gebiet viele Jahrzehnte vorwiegend landwirtschaftlich bzw. als Gartengelände genutzt, umrahmt am nördlichen Ende (Clemens-August-Platz) von einem älteren Baumbestand und östlich sowie südlich durch Baumreihen abgegrenzt. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts setzte eine zunehmende Verbuschung ein, so dass sich bis heute eine stark baum- und gebüschdominierte Fläche entwickelt hat.


Dieses Gebiet liegt am unteren Ende des Melbtales, welches eine herausragende Rolle für den Zufluß von Kaltluft, welche in Strahlungsnächten auf den südlich umgebenden Höhen produziert wird, nach Poppelsdorf besitzt. Zugleich ist es Teil des im Landschaftsplan Kottenforst ausgewiesenen Landschaftsschutzgebietes LSG 5208-004. Als landschaftsplanerisches Ziel sieht dieser Landschaftsplan eine „Anreicherung bzw. ökologische Aufwertung einer im ganzen erhaltungswürdigen Landschaft mit naturnahen Lebensräumen und mit gliedernden und belebenden Elementen“ vor. Stattdessen aber soll das LSG den Interessen eines Investors geopfert werden. Vorgesehen ist ein mehrstöckiger Baukomplex, der nicht nur diese grüne Lunge vernichten, sondern auch einen Querriegel gegen aus dem Süden anströmende Kaltluft bilden würde, mit entsprechenden negativen Folgen für das Klima – und die Poppelsdorfer Bürger. Passenderweise wird aber in dem von der Stadt Bonn beauftragten Klimagutachten bescheinigt, dass der Großteil der zuströmenden Kaltluft kurz vor Erreichen des Plangebietes einen Bogen schlägt und erst weiter östlich, also deutlich hangaufwärts, die Straße (Im Wingert) quert. Zweifel an der letztendlich postulierten Klimaverträglichkeit des Bauprojektes werden allerdings auch vom Klimagutachter selbst aufgeführt, indem z.B. der komplette Wegfall der geplanten quer zur Kaltluftströmung angeordneten Gebäuderiegel an der Straße „Am Wingert“ sowie am Clemens-August-Platz als Möglichkeit empfohlen wird (DS 1510647ST10). Bemerkenswert ist auch, dass in dem Gutachten erwähnt wird, dass von Seiten der Umweltverwaltung der Stadt Bonn aus stadtklimatischer Sicht gegen das Vorhaben erhebliche Bedenken geltend gemacht wurden, „da aus Sicht des Fachamtes eine weitere Bebauung größerer Flächen innerhalb des Melbtales aus Gründen einer möglichen Minderung des Kaltluftabflusses in die dicht bebaute Tallage Bonns nicht zu befürworten ist.“


Problematisch ist neben der klimatischen Wirkung des Vorhabens auch die Auswirkung auf die hydrologischen Verhältnisse. Durch die zusätzliche Versiegelung steigt die Gefahr noch stärkerer Hochwasser des Melbbaches, welche schon heute zu regelmäßigen Überflutungen der Keller der Anwohner führen. Weitere Aspekte beziehen sich auf den Verkehr: Lieferverkehr für den geplanten Supermarkt, motorisierte Kunden desselben und Verkehr aus den Tiefgaragen für die neuen Bewohner des angedachten, 180 Wohnungen umfassenden Komplexes, werden spürbar zusätzlichen Verkehr erzeugen. Ebenfalls werden artenschutzrechtliche Fragen eine Rolle spielen. Das Vorkommen z.B. von potentiellen Fledermausquartieren im Wäldchen ist wahrscheinlich.


Zahlreiche umweltrelevante Fragen bleiben ungeklärt. Laut Beschlussvorlage (1510647NV3 vom 15.01.2016) sollen Fragen der Luftschadstoffbelastung, des Verkehrslärms, der Verkehrsabwicklung und des Eingriffs in Natur und Landschaft erst geklärt werden, wenn das Einzelhandelsgutachten und die Arten“schutz“prüfung und ein städtebaulicher Entwurf vorliegen. Es ist also zu befürchten, dass die Planungen bis zu einem Punkte vorangetrieben werden sollen, in dem es schwer möglich sein wird, das Vorhaben zu stoppen. Wird das Projekt verwirklicht, besteht die große Gefahr, dass sich die Begehrlichkeiten der Investoren und der ihnen verbundenen Politiker auf angrenzende Flächen im Melbtal ausweiten werden. Vergangene Generationen hatten anscheinend einen anderen Blick. So schreibt der Bonner Geograph und Klimatologe Dieter Klaus (Arbeiten zur Rheinischen Landeskunde, H.58 (1988), S. 67): „… Dem Melbtal kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu, da die Verlängerung dieser westlichen Seitentalung über die Clemens-Auguststraße und Poppelsdorfer Allee einen direkten nächtlichen Frischluftzufluß ins Zentrum Bonns zuläßt (Emonds 1954). Diese bereits im 18. Jahrhundert angelegte Frischluftschneise läßt vermuten, daß die Architekten des Kurfürsten Clemens-August die Bedeutung des nächtlichen Melbtal-Kaltluftstromes für die Lufterneuerung im Bereich des Bonner Zentrums bereits erkannt hatten. Den Architekten und Stadtplanern des 20. Jahrhunderts blieb es vorbehalten, diese mit Bedacht offengehaltene Frischluftschneise mit Hochbauten weitgehend zu schließen.“


Impulse für zukunftsfähigen Städtebau gehen dagegen von der Stadt Helsinki aus. Die Stadt steht vor der Herausforderung, eine Zunahme der Bevölkerung von etwa 604.000 (Stand: 2013) auf prognostizierte 860.000 Menschen im Jahre 2050 zu meistern. Als wichtiges Instrument ist daher ein Rückbau von sieben innerstädtischen Autobahnen zu Straßen und Boulevards geplant, um mehr Platz für Wohnungen zu schaffen. Denn Autobahnen nehmen viel Platz in Anspruch, nach einem Rückbau kann der freigewordene Platz mit Häusern bebaut werden. Die Stadt Helsinki arbeitet an einer entsprechenden Überarbeitung des Flächennutzungsplans. Nach den Planungen wird das Auto seinen Stellenwert als primäres Verkehrsmittel verlieren, der Schienenverkehr wird zum wichtigsten Verkehrsmittel in der Stadt. Entsprechend notwendige Investitionen z.B. in das Straßenbahnnetz sowie in das Fahrradwegenetz sollen dafür sorgen, dass man in Helsinki bequem ohne Auto leben kann. Natürlich gibt es auch dort Widerstände gegen diese revolutionären Gedanken – aber die Verantwortlichen der Stadt Helsinki haben genügend Rückgrat, ihre menschenfreundlichen Visionen und Pläne beharrlich weiterzuverfolgen.


Überträgt man die Planungen auf Bonn, so sieht man, dass auch hier erhebliches „Umbaupotential“ für innerstädtische Autobahnen oder ähnlich ausgebaute Straßen besteht (Reuterstraße, Konrad-Adenauer-Damm, B9 in Mehlem, B42 in Oberkassel, B 562 (AK Bonn-Ost bis AS Bonn-Bad Godesberg bzw. Verlängerung bis Nahum-Goldmann-/August-Bebel-Allee)). Warum also sollte, spätestens im Jahr 2050, die Reuterstraße nicht „Reuterallee“ heißen – und dabei auch diesen Namen verdienen? Die Notwendigkeit, völlig umzudenken, ergibt sich allein schon aus dem von der Bundesregierung inzwischen für das Jahr 2030 (ursprünglich: 2020) ausgegebenen Ziel, dann täglich „nur“ noch 30 ha unversiegelte Fläche zuzubetonieren bzw. zu asphaltieren. Auch das Ziel der EU, im Jahre 2050 in der Bilanz zu einer Null-Flächenversiegelung zu kommen, erfordert schon jetzt konkrete Planungen und Maßnahmen, damit auch diese, sehr bescheidene, Vorgabe nicht wieder auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben wird.

 

Herbert Weber

 

 

 



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